Kategorien: Theater

Theaterspectacel Wilhering: Der Revisor

Komödie von Nikolaj Gogol in einer Fassung von Joachim Rathke

„In unserer Gemeinde musst du dich nicht verstellen. Wie leben in einem Dorf, wo über jeden Gewissensbiss hinweggetreten wird.“ – ein Bürgermeister

Seit 15. Juli und noch bis 12. August ist im Hof der Theaterscheune des Stiftes Wilhering die von Joachim Rathke geschriebene österreichische Fassung des Stücks „Der Revisor“ zu sehen.

Fotocredit "Der Revisor": theaterSPECTACEL Wilhering

 

 

Fotocredit "Der Revisor": theaterSPECTACEL Wilhering

 

 

Fotocredit "Der Revisor": theaterSPECTACEL Wilhering

Täuschen und Bereichern, das können nicht nur die anderen.

Die Tricks, Recht und Moral zu umgehen, gehören fast zur Königsdisziplin der österreichischen Politik. Joachim Rathke hat die Komödie Gogols aus dem Russland des frühen 19. Jahrhunderts ins 21. Jahrhundert geholt und in eine kleine österreichische Gemeinde gesetzt. Wie (wenig) weit er da den Bogen spannen musste, und wie fast unangenehm ähnlich Freunderlwirtschaft und Korruption damals und heute funktionieren, wird gleich in der ersten Szene deutlich.

 

Zum Inhalt: In einer namenlosen Gemeinde in Oberösterreich geht alles seinen gewohnten Weg: Die Gemeinderatsmitglieder samt Bürgermeister versuchen, ein bisschen mehr aus ihrem Amt herauszuholen, als erlaubt ist. Da schlägt die Nachricht, dass ein hoher Beamter aus Wien inkognito hergeschickt wird, um die Gemeinde zu prüfen, ein wie eine Bombe. Allgemeine Panik macht sich breit, als bekannt wird, dass schon vor längerer Zeit ein Wiener in einem Gasthaus abgestiegen sei, der sich weigert, zu zahlen.

Dieser Wiener, das ist Gernot Perowitz. Zwar eben aus Wien, aber kein hohes Tier, ganz im Gegenteil. Das Geld vom Herrn Papa bis auf den letzten Cent durchgebracht, soll er zur Strafe die Geschäftsführung eines Familienbetriebs in Deutschland übernehmen und trödelt entsprechend auf der Hinreise.

Als der Reihe nach die Gemeinderatsmitglieder aller Couleurs bei ihm aufmarschieren, um ihn milde zu stimmen, übernasert er schnell, dass er erstens verwechselt wird und zweitens, wie er das zu seinem Vorteil ausnutzen kann.

Dass ausgerechnet heuer, im Jahr des „Ibiza“-Untersuchungsausschusses, „Der Revisor“ in einer österreichischen Fassung auf die Bühne gebracht wird, ist purer Zufall, hätte es doch vergangenes Jahr schon aufgeführt werden sollen. Dieses vergangene Jahr hat das Stück noch um ein Vielfaches bereichert, denn Joachim Rathke hat seine Version des Revisors mit hunderten Zitaten aus der österreichischen Politik gespickt, die wir nur allzu gut kennen.
Da muss an einer Stelle das Recht der Politik folgen, und nicht umgekehrt. An anderer Stelle heult der Bürgermeister den Hochstapler Perowitz an: „Kriegst ja eh alles, was Du willst!“

Gut möglich, dass bis zum letzten Spieltag am 12. August noch ein paar dazukommen.

 

Diese großartige Fassung wäre nur halb so gelungen ohne das kongeniale Ensemble. Angefangen von Sven Kaschte, der als Gernot Perowitz den versnobten Wiener Slang bis zur Schmerzgrenze ausreizt, und Horst Heiss als nach oben buckelnden, nach unten tretenden Bürgermeister, über Paola Aguilera als seine Frau, Nora Dirisamer als seine Tochter, Maximilian Modl als Amtsleiter Rudolf Leitner, Simone Neumayr als Sozialreferentin Gerti Trawöger, Stefan Wunder als IT-Techniker Werner Wantsch und Ethem Saygieder-Fischer als Gernots Bodyguard Hüsnü – der gesamte Cast überzeugt mit Können und Spielfreude.

 

Datum: 22. Juli 2021 / Text: Ortrun Schandl / Fotos: theaterSPECTACEL Wilhering